Die Zukunft der Kinder hat Priorität

Die Familie ist ihm ganz wichtig: Mario Christ aus Haßloch will sich aber neben seiner eineinhalb Jahre alten Tochter Salome auch um andere Kinder kümmern – deshalb absolvierte er bei der Kreisvolkshochschule (Kvhs) Bad Dürkheim den Kurs für Tagesmütter und –väter. Als einziger Mann unter den eingeschriebenen Frauen fühlte er sich von den Kolleginnen gut anerkannt und eingegliedert.

Es sei schon ein großes Opfer, den zuletzt ausgeübten Beruf als Manager eines christlichen Musikfestivals und einer freikirchlichen Gemeinde aufzugeben, gibt der 31-jährige gelernte Kaufmann zu. „Aber ich habe beschlossen, in meinem Leben Prioritäten zu setzen und investiere in die Zukunft von Kindern“. So bekam Salome schon im Dezember 2008 einen einjährigen Tages-Bruder und kann in Kürze auch mit einer zweijährigen Tages-Schwester spielen. Im privaten Umfeld waren Bekannte auf den Pflegevater aufmerksam geworden und vertrauen ihm tagsüber ihre Kinder an. Ehefrau Eva ist als Pädagogin an der Universität in Heidelberg beschäftigt und promoviert derzeit im Bereich Hochbegabung.  Der Kurs von Kvhs und Kreisjugendamt war für den Mann eine interessante Erfahrung, die ihn fachlich bereichert habe. Er wolle Kindern etwas fürs Leben mitgeben und sie nicht nur aufbewahren – sie fördern in einer sich wandelnden Gesellschaft. Und Regine Holz, die Leiterin der Kvhs, bescheinigte ihm schon kurz nach dem Prüfungstag: „Er wird mit der Bestnote den Kurs abschließen“. Bundesweit sind laut statistischem Bundesamt circa 30.000 Tageseltern registriert. Die Qualifizierungskurse für Tageseltern sind gefragt wie nie. Doch nur 2,6 Prozent davon sind Väter. Im gesamten Gebiet der Bundesrepublik kommen positive Rückmeldungen auf die Vermittlung von Tagesvätern. Die professionelle Kleinkinderziehung ist weiblich dominiert – ganz abgesehen von der steigenden Zahl an alleinerziehenden Frauen. Somit ist eine männliche Kinderbetreuung in einer Zeit, in der es an positiven männlichen Erziehungsvorbildern aufgrund von Zeitnot und wirtschaftlichen Zwängen fehlt, eine angenehme und durchaus willkommene Alternative und Ergänzung.  Die Erlaubnis zur Kindertagespflege kann nicht jeder erhalten. Zuständig sind die Jugendämter. Zunächst müssen die Bewerber persönliche Eignung, Qualifizierung und kindgerechte Räumlichkeiten nachweisen. In der Regel müssen Interessenten einen Qualifizierungskurs belegen, in dem unterschiedliche Erziehungsmethoden, rechtliche Hintergrundinformationen sowie Tipps im Umgang mit Kindern und Eltern vermittelt werden. Der Verdienst setzt sich aus einem vom örtlichen Jugendamt gezahlten festen Satz pro betreutes Kind zusammen. 336 Euro pro Kind bekommt ein Tagesvater im Landkreis Bad Dürkheim im Monat für sechs Stunden Betreuung täglich. Normalerweise kann ein Tagesvater oder eine Tagesmutter maximal bis zu fünf Kinder aufnehmen, sowohl halb als auch ganztags. Seit 2008 müssen Einnahmen aus der Kindertagespflege versteuert werden. Ausreichend ist dieser Verdienst natürlich nicht, den man für eben jene verantwortungsvolle Aufgabe erhält. Auch deshalb wird die Zahl der Tagesväter in absehbarer Zeit auch nicht annähernd an die Zahl der Tagesmütter heranreichen.

Die Familie im Wandel

Die bürgerliche Kleinfamilie, wie wir sie heute kennen, war nie die allgemeingültige Lebensform. Es gibt sie kaum 200 Jahre. Erst mit der Industrialisierung, dem Wachstum der Städte und der Entwicklung des Bürgertums kam Mitte des 19. Jahrhunderts das bürgerliche Idealbild der Familie auf, das unsere Gesellschaft noch heute prägt: Das traute Heim als Gegenpol zur rauen Erwerbswelt. Der Mann verdient das Geld, die Frau kümmert sich um den Haushalt und die Erziehung der Kinder. Im 20. Jahrhundert wurde das Loblied auf die Familie mit klassischer Rollenverteilung ideologisiert. Das Familienbild wurde politisiert, denn der Kaiser wollte Soldaten, Hitler ebenso. Im Dritten Reich galt die Familie als Keimzelle des Staates. Frauen, die keine Kinder hatten, wurden diffamiert. Auch in den 50er-Jahren wurde seitens der konservativen Familienpolitik die bürgerliche Familienform als die einzig Wahre dargestellt - trotz der Tatsache, dass nach dem Krieg in vier von zehn Familien die Mütter alleinerziehend waren. Spätestens seit dem beschleunigten Wertewandel, der Ende der 60er-Jahre mit der Studentenbewegung einsetzte, wurde die bürgerliche Kleinfamilie immer mehr in Frage gestellt. Es entwickelten sich alternative Formen des Zusammenlebens wie Wohngemeinschaften und Kommunen. Statt des traditionellen Daseins für andere, etwa Familie oder Eltern, rückte die Gestaltung eines selbstbestimmten Lebens stärker in den Vordergrund. Auch andere Faktoren trugen dazu bei, dass sich in den letzten drei Jahrzehnten die Familienstrukturen wandelten: Unter anderem wurde das Scheidungsrecht reformiert und die Geburtenkontrolle einfacher. Technik machte die Arbeit im Haushalt immer leichter. Die Berufstätigkeit von Frauen nahm zu. Anfang des 21. Jahrhunderts hat die bürgerliche Familie ihre dominante Stellung eingebüßt. Alleinerziehende, Stieffamilien, Patchworkfamilien, Wohngemeinschaften mit Kindern, kinderlose Ehepaare, eingetragene Partnerschaften, nicht-eheliche und andere Lebensgemeinschaften werden immer selbstverständlicher. Doch die bürgerliche Familie lebt. Zwar ist nur noch jeder dritte Haushalt eine Kleinfamilie mit Vater, Mutter und mindestens einem Kind. Aber vier von fünf Kindern wachsen bis zum Alter von 16 Jahren in dieser klassischen Familienform auf. Die traditionelle Eltern-Familie hat an subjektiver Wertschätzung keineswegs verloren. Dennoch klappt es oft nicht mit der Familiengründung: etwa wegen der schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie, der Trennung vom Partner, hoher Ansprüche an eine eheliche Beziehung oder dem Zwang, mobil zu sein. Dass Männer aktiv in die Rolle der Betreuenden schlüpfen ist ein noch junger und durchaus begrüßenswerter Trend, der aufgrund der geringen Verdienstmöglichkeiten im Bereich der Kinderbetreuung kein rasantes Wachstum erwarten lässt. 

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