Die Entdeckung der Currywurst & Die Eleganz des Igels

Die Entdeckung der Currywurst

In Erinnerung an seine Kindheit macht sich der Erzähler auf die Suche nach der Besitzerin einer Hamburger Currywurstbude. Man munkelt, sie sei die Erfinderin der legendären Currywurst. Der Erzähler findet die halbblinde Lena Brücker in einem Altenheim. Dort verbringt er mehrere Nachmittage mit ihr, während sie aus den letzten Kriegstagen im April 1945 erzählt. Ihr Leben steht stellvertretend für das Leben vieler Frauen, die sich in den Kriegswirren getrennt von Mann und halbwüchsigen Kindern durchschlagen mussten. Lena Brücker lernt einen jungen Marinesoldaten im Luftschutzkeller kennen, der auf dem Weg zu seiner Einheit von einem Angriff überrascht wird. Sie nimmt ihn mit zu sich. Er bleibt. Der Soldat desertiert, versteckt sich bei Lena Brücker. Sie genießt die Zeit mit dem jungen Soldaten, obwohl sie Gefahr läuft, entdeckt zu werden. Misstrauische, linientreue Nachbarn beäugen die alleinstehende Frau skeptisch. Doch Lena ist improvisations- und nervenstark. Als der Krieg vorbei ist, schiebt die Frau aus Angst vor dem Abschied hinaus, dem Soldaten von der neuen Situation zu berichten. Doch es kommt zum Eklat. Er verlässt sie. Mit Kriegsende kommen die Heimkehrer und damit auch Lenas Mann, den die selbstständige Frau nach kurzer Zeit wieder aus dem Haus wirft. Durch Schwarzmarkt, Schiebereien und Jobverlust kämpft sich die mutige Frau durch den chaotischen Alltag, um ihre Tochter, den Enkel und den Sohn durchzubringen. Schließlich kommt ihr die Idee der Würstchenbude. Doch zunächst müssen die dafür erforderlichen Grundeinheiten auf dem Schwarzmarkt er- und verhandelt werden. Kriegsabzeichen gegen Holz gegen Chlorophorm gegen Felle gegen Mantel gegen Öl, Schnaps und Würstchen. Per Zufall und Unfall wird das Currysoßenrezept erfunden.

Wenig spektakulär beschreibt Lena Brücker ihr aufregendes Leben in der Endphase des Krieges und im Wirrwarr nach Kriegsende. Selten sind Gefühle beschrieben und doch schimmern sie überall durch. Dagegen steht die Stärke der Frau, die mit großem Organisationstalent durchhielt, sich arrangierte und wieder aufbaute. Eindringlich in seiner Nüchternheit ist die Novelle Die Entdeckung der Currywurst von Uwe Timm. Es gab zu dieser beschriebenen Zeit sicherlich spektakulärere Schicksale, aber dieses lässt den Leser anknüpfen und verstehen, was ein Großteil der Menschen um 1945 erlebte.

Die Entdeckung der Currywurst
Uwe Timm
Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN978-3-423-12839-1

Die Eleganz des Igels

In einem Pariser Palais treffen die außergewöhnliche Concergie Renée und die zwölfjährige Paloma, eine Tochter reicher Eltern, aufeinander. So sehr ihre gesellschaftliche Stellung und das Lebensalter sie trennen, so bilden sie doch im Roman von Muriel Barbery symmetrische Eckpfeiler zu Grundgedanken.

Beide Figuren fallen durch ihre außergewöhnliche Intelligenz und ihren kritischen Blick auf ihr soziales Umfeld auf. Und beide finden sich in den ihnen zugedachten Rollen nicht zurecht. Concierge René ist 54 Jahre alt, liest Philosophen und argumentiert mit Dostojewski. Sie ist klein, dick, hässlich und hat Hühneraugen - und versucht trotz des herrschaftlichen Stadthauses in Paris mit aller Macht vorzutäuschen, sie gehöre zum Proletariat. Sie will in die ihr zugedachte Position passen. Paloma sucht ihre eigene Theorie zu widerlegen, dass das Leben als Erwachsene wenig Sinn macht, um ein glaubhaftes Argument gegen den geplanten Selbstmord an ihrem dreizehnten Geburtstag zu haben. Als bewusst wahrgenommene,
jedoch ebenso bewusst verheimlichte Außenseiter eines umgrenzten gesellschaftlichen Gefüges, ahnen die Beiden nur voneinander, so sehr sind sie mit der kritischen, wenn nicht sogar negativen Betrachtung und ihrer eigenen Ausgrenzung beschäftigt. Erst als der Japaner Ozu in das Stadthaus einzieht, ändern sich die wechselseitigen Beziehungen und Selbstbetrachtungen der Figuren.

Das Buch der französischen Schriftstellerin Barbery polarisiert. Die hochintelligenten Protagonisten bedienen sich einer sprachlichen Fülle, die ein wenig zu opulent geraten ist. In ermüdenden Passagen wird ein jegliches Ding, sei es Grammatik, Haute Cuisine ebenso wie Inneneinrichtungen, auf die Sinnhaftigkeit überprüft und ziseliert. Dabei fehlt – zumindest in der deutschen Übersetzung – der Witz, Esprit und die Leichtigkeit der Sprache. Wenig unterscheidet sich die Wortwahl in den Passagen der Zwölfjährigen von denen der reifen Frau. Solange Barbery in ihrer Erzählung bei den Personen bleibt, kann die grundlegende Idee für den Roman als gut erkannt werden. Doch in der ausladenden Philosophie der Figuren verliert sich die Geschichte. Durch das Eintreffen des Japaners werden Renée und Paloma aus dem Kreis der eigenen Gedanken herausgetragen und stellen sich durch die Wahrnehmung eines Dritten wieder selbst in Frage.

In der Aussage ist das zweite Buch der Französin bemerkenswert. Der Titel ist außerordentlich treffend, da die Geschichte erst sehr abweisend und erst nach einer Weile warmherzig daher kommt. Es bedarf einer gewissen Geduld – mit dem Buch, mit den Figuren und mit dem Sinn. Ganz wie im richtigen Leben.

Muriel Barbery
Die Eleganz des Igels
dtv premium

Aus dem Französischen von Gabriela Zehnder ISBN 978-3-423-24658-3