Die alten Geschichten

Das kleine Häuschen des alten Ehepaars lag unter dem grauen, eisigen Januar. Der gepflegte kleine Garten war weiß vor Frost und Schnee. Aus Küche und Wohnzimmer drang gedämpftes Licht von der kleinen Stehlampe und den Kerzen am Fenster nach draußen und trotzte dem trostlosen Winter. Jeden Abend saßen Friedrich und seine Frau Hanna vor dem kleinen gusseisernen Öfchen und tranken Tee. Manchmal auch Wein. Sie plauderten über dies und das, erzählten Geschichten von früher, lachten, kicherten manchmal wie die Teenager über vergangene Begebenheiten aus ihrer Jugend. Sie waren nun seit 62 Jahren verheiratet und hatten sich immer noch viel zu sagen. Die Geschichten waren immer dieselben, manchmal sogar mit den gleichen Worten erzählt, doch niemanden störte das. Am wenigsten die Beiden. Der Frühling kam und so saßen die beiden Lebensgefährten immer öfter auf der kleinen Bank vor dem Haus, wo zaghaft die ersten Sonnenstrahlen die runzeligen Lachfältchen Hannas streichelten. Im Sommer fand man sie mit einem kleinen Stück Erdbeerkuchen unter dem alten Baum sitzend. Und immer hörte man sie sprechen, lachen und sah sie nickend und dem anderen lauschend.
 

Doch dann starb Hanna. Friedrich blieb zurück.
 

Es war wieder Winter geworden. Am gusseisernen Ofen saß er mit seinem Tee. Jeden zweiten Abend kam sein Sohn oder ein alter Freund zu ihm, um mit ihm gemeinsam am Ofen zu sitzen. Auch sie sprachen miteinander. Doch das Plaudern fehlte. Die gemeinsamen Erinnerungen waren andere. Neue Geschichten mussten erzählt werden. Andere Worte waren nötig. Friedrich wurde müde. Hanna fehlte. Der Sohn kam und sah nach ihm, brachte Lebensmittel und Holz für den Ofen, kochte und engagierte eine Haushaltshilfe, die ebenfalls viel mit Friedrich sprach. Aber das waren nicht die alten Geschichten. Sie las ihm die Zeitung vor, erzählte von ihren Kindern, aus der Nachbarschaft und vom Fernsehprogramm des letzten Abends. Friedrich sah nie fern. Er konnte damit nichts anfangen. Der Sohn kam weiterhin und verbrachte viele Abende mit ihm. Friedrich begann, die alten Geschichten wieder zu erzählen, die sich nun schon länger aufgestaut hatten. Er nannte seinen Sohn Hanna. Da merkte dieser, dass sein Vater nicht mehr zurück fand. Nicht in die Gegenwart und schon gar nicht in die Zukunft. Zu der Trauer um seine Mutter kam nun auch das Mitleid zu seinem Vater. Es fiel ihm schwer, ihn so zu sehen. Ein Trost lag in der Gewissheit, dass die beiden ein gemeinsames glückliches Leben geführt haben. Er kannte niemanden, der auf eine solche Ehe zurückblicken konnte, niemanden, der eine solche Ergänzung seiner selbst gefunden hatte. Man sah Friedrich häufiger in eine Decke gewickelt auf der Bank sitzen, unter dem schneebehangenen Baum verweilen und im Wohnzimmer Kerzen anzünden. Er redete, nickte, lachte und lächelte.
 

Als der Vater starb, stand in der Todesanzeige: Sie erzählen wieder ihre Geschichten.

Magazin