Der Geist der Zeit

„Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.“


Das erwidert Goethes Faust seinem Famulus Wagner in der Nacht. Sie diskutieren das Phänomen des Zeitgeistes. Der Zeitgeist wurde ebenso von Herder schon 1769 in seinen Betrachtungen die Wissenschaft und Kunst des Schönen betreffend beschrieben. Wenngleich der Zeitgeist als Begriff sehr modern verwendet wird, ist es doch kein neuer. Mit diesem Wort bezeichnet man die für eine bestimmte geschichtliche Zeit charakteristische allgemeine geistige Haltung und vorherrschende Gesinnung. Heute wird der Begriff vorrangig auf die Gegenwart bezogen. Allerdings war jede Zeit von ihrem eigenen Geist durchdrungen. Der Begriff Zeitgeist wird als Lehnwort in vielen Sprachen verwendet. Auch im Englischen gilt das deutsche Wort Zeitgeist als übernommene Vokabel. Also bitte niemals time ghost oder ähnlich schlimme Übersetzungen verwenden.

Unsere sich schnell verändernde Gesellschaft leistet sich den Luxus, Trendscouts zu engagieren, sozusagen moderne Seher, die einen Blick in die herannahende Zukunft werfen. Dort erhaschen sie mehr oder weniger gerechtfertigt einen Eindruck des pubertierenden Zeitgeistes. Entwicklung in Mode, Musik, Kunst, Lebensstil und der Gesellschaft selbst werden von ernst zu nehmenden Trendsettern – auch dies ist jedem selbst überlassen – erfühlt, entwickelt, gelebt, kultiviert und wieder verlassen. Die Vielzahl der Trends bildet letztlich den Zeitgeist, der durch die unterschiedlichen Lebensweisen der multiplen Kultur mäandert.

Ob man selbst dies so will oder nicht, ob man sich entzieht oder sogar mitwirkt, ist völlig gleichgültig: Jede Haltung trägt zum Gesamtbild bei.

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