Das Karussell

Als das alte Jahrhundert mit Feuerwerken und großen Feierlichkeiten verabschiedet worden war, wurde das neue Karussell endgültig fertig. Der letzte Schliff war vollbracht, die Pferde, Elefanten und Giraffen waren frisch lackiert und montiert. Auch die Technik, die notwendig war, damit sich das Karussell demnächst beständig im Kreis drehen konnte,  war eingebaut und überprüft worden. Man schrieb das Jahr 1900. Es hatte begonnen, das zwanzigste Jahrhundert. Aufbruch, Hoffnung und große Wünsche lagen in der schneeschweren Luft, als die Menschen auf das neue Jahr angestoßen hatten. Allein und sich selbst überlassen stand das Karussell in der großen dunklen Werkshalle.

Die Arbeiter waren längst nach Hause gegangen, um ihren Feierabend zu genießen. Monatelang hatten sie nahezu ununterbrochen gearbeitet. Anfangs konnte das Karussell gar nicht begreifen, was es werden sollte. Als es merkte, dass es ein Karussell werden und sich für sein ganzes restliches Leben im Kreis drehen sollte, war es bis in die letzten kleinen Schräubchen erschüttert. Ein Karussell!? Das war wirklich das letzte, was es hatte werden wollen. Etwas mehr hätte es wirklich sein können! Sich im Kreis drehen, tagein, tagaus. Mit lärmenden Kindern und ihren Eltern oder Tanten, die am Rand stehen würden. O Gott, was für ein Leben! Aber nun war es zu spät. Auf großen bunten Plakaten wurde sein erster Einsatz bereits in der ganzen Stadt als Attraktion angekündigt. Die Kinder hingen an den Rockzipfeln ihrer Mütter und bettelten um einen Besuch auf dem Jahrmarkt. Das Karussell, das jetzt noch einmal vor seinem großen Auftritt blank poliert wurde, knurrte unwirsch und nahm sich vor, diesen Tag mit all seinem Hochmut und seiner ihm möglichen Verachtung zu überstehen.

Und so vergingen die Jahre und das Karussell drehte sich. Widerwillig und mit einem Murren, das aber nur es selbst hören konnte. Arglos  setzten sich die Kinder auf die Tiere und Schaukeln und kreischten vor Entzücken und Vergnügen, wenn die Fahrt losging. Jedes Mal hielt sich das Karussell die Ohren zu. Dieses elende Kindergeschrei, hatte man denn gar kein Einsehen mit ihm? Mit der Zeit war das Karussell einsam geworden. Wie gut hätten ein paar freundliche Worte getan. Nur nachts, wenn alles still war in der Stadt und vielleicht noch eine Katze über den großen Platz lief, dann hatte das Karussell eine Verschnaufpause.

Eines Tages im Advent geschah etwas Besonderes: Ein kleiner Junge ging langsam und mit leuchtenden Augen in seinen geflickten Hosen um es herum. Ganz aufmerksam sah er sich die Tiere an. Immer wieder blieb er stehen. Dann kam er die Treppe hoch und ging zwischen den Pferden, Elefanten und auch der Giraffe umher. Blieb stehen, ging weiter. Lächelte und streichelte sie. Da er kein Geld hatte, konnte er keine Karte lösen wie er es so oft bei seinen Freunden gesehen hatte. Aber das schien gar nicht wichtig zu sein und wer ganz genau hingesehen hätte, hätte bemerkt, dass er leise mit jedem der Tiere sprach. Für alle hatte er ein nettes anerkennendes Wort. Einmal streckte er seine kleinen Arme nach dem langen Giraffenhals aus. Und für einen Augenblick war es, als ob sich ihm die Giraffe mit ihrem Hals entgegen gebeugt hätte. „Du hast es gut, Karussell, du machst so vielen Kindern eine Freude,“ flüsterte der kleine Junge. Das Karussell war gerührt. „Eine Freude? Hatte der Kleine wirklich Freude gesagt?“ Das Karussell seufzte leise und ihm rollte eine dicke Freudenträne über die Wange.

Jaleh Nayyeri