Das Goldene Buch

Städte verfügen über so manchen wertvollen Schatz. Einer davon ist sicherlich das Goldene Buch – wenn auch ein immaterieller. Darin tragen sich Ehrengäste während ihres Besuches ein. Ursprünglich wurden die Adelsverzeichnisse italienischer Städte und Staaten Goldenes Buch (Libro d‘Oro) genannt. Heute zeichnet einen Ehrengast anderes aus, um sich in jenem Goldenen Buch verewigen zu dürfen. Meist wird Politikern höheren Ranges diese Ehre zuteil. Doch auch Künstlern oder Sportlern mit außerordentlicher Leistung werden Seiten gewidmet.

Jene Widmung wird in Neustadt an der Weinstraße sehr persönlich und individuell betrieben. Die Neustadterin Ursula Choschik gestaltet kalligraphisch und künstlerisch die Seiten mit hoher Kreativität und Akribie. Dabei erhält sie außer den Informationen über die Art des Besuchs und die jeweilig relevanten Daten zu den Gästen keinerlei Vorgaben. Eigene Ideen führen zu einem Vorschlag, den die 66-Jährige skizziert. Nach kurzer Abstimmung, denn laut Pressesprecher Andreas Günther sind die Skizzen der Neustadter Grafikerin immer sehr ausgereift und gut, überträgt Choschik ihre Kreationen auf die Bütten-Seiten. Sie achtet ebenso auf die Landesfarben des Heimatwappens der Besucher wie auf die Anpassung der Schrift. Bei französischen Staatsgästen legt sie mehr Schwung in die Kalligraphie, hingegen chinesische Gäste mit einer steilen, kantigen Schrift gewürdigt werden. Sie malt passende Ornamente oder kleine Figuren. Verschrieben oder gar mit der Farbe gekleckert hat Ursula Choschik noch nie. Wegen ihrer ruhigen Gelassenheit ist sie eine gefragte Gestalterin.
Das Goldene Buch der Stadt Neustadt wurde erstmals 1982 für den damaligen Bundespräsidenten Carl Carstens aufgeschlagen, der sich auf seiner legendären Wandertour durch die Bundesrepublik befand. Damals machte er Rast in Neustadt auf seiner Etappe, die in Bad Dürkheim startete. Bis heute umfasst das Buch, das einen Teil der jüngeren Neustadter Geschichte festhält, 31 Einträge. Alle Bundespräsidenten mit Ausnahme von Roman Herzog weilten in Neustadt an der Weinstraße und gaben dem Buch mit ihrer Unterschrift und manchmal auch mit einem persönlichen Gruße die Ehre. Anfänglich wurde der Stift häufiger gezückt – vielleicht auch deshalb, weil der Pfälzische Bundeskanzler Helmut Kohl mehr hochrangigen Besuch an die Weinstraße lockte. In dieser Zeit finden sich Unterschriften wie Walter Scheel und Annemarie Renger, Nancy und Ronald Reagan. Für den amerikanischen Präsidenten wurde das Buch auf das Hambacher Schloss gebracht, der dort weilte. Doch auch Künstler wie José Carreras, Deborah Sasson und Montserrat Caballé finden sich in der illustren Gästeliste. Kardinal Lehmann besuchte 2007 als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz Neustadt an der Weinstraße. „Ein sehr angenehmer, weltoffener Mann“, erinnert sich Günther.
Besonders eindrucksvoll war der Besuch des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, dem Ex-Staatspräsident Frankreichs Chaque Chirac und ihrem polnischen Kollegen Aleksander Kwašniewski anlässlich des Gipfeltreffens zum Weimarer Dreieck. Diese Treffen fanden regelmäßig an unterschiedlichen Orten statt und dienten dem Austausch zu europapolitischen Fragen. Jeder Politiker reiste mit seinem eigenen zahlenstarken Begleiterstab an. In den umfänglichen Vorbereitungen erhielten die Gastgeber eine Reihe von Instruktionen, wer was gerne isst und trinkt und welche Ausstattung bevorzugt werde. „Herr Schröder fragte direkt nach der Ankunft nach einem Bier. Natürlich waren wir darauf vorbereitet“, erinnert sich Günther. In der Stadtverwaltung seien nur noch ausgewählte Angestellte anwesend gewesen. Mit besonderem Aufwand verbunden war der ausdrückliche Wunsch des Kanzleramtes, den Ratssaal komplett zu räumen und mit entsprechenden Möbeln aus dem Kanzleramt zu bestücken. „Sogar einen wertvollen antiken Schreibtisch als stilvolle Unterlage unseres Goldenen Buches liehen wir uns von Martin Denzinger (Antiquitäten Denzinger – Anm. d. Red.)“, so Günther. „Und als die Herren einen kleinen Rundgang durch die Stadt machten – ausgerechnet die enge Metzgergasse musste es sein – lagen die Scharfschützen auf den Dächern“, berichtet Günther rückblickend. Er weiß viele kleine und amüsante Geschichten rund um die Besucher, die nicht alle erzählt werden können. Mit den Jahren haben die Neustadter als Gastgeber immer wieder dazu gelernt. Zum Beispiel weiß man heute, dass die chinesischen Gäste den süßesten Wein mögen – möglichst Beerenauslese und davon gerne auch viel…