Bevor es zu spät ist

„Junges Fräulein, sie sehen aber ganz und gar nicht glücklich aus.“ Plötzlich wurde ich aus meinem Tagtraum gerissen. Kein schöner, es waren eher böse Erinnerungen an mein Leben in Deutschland, von denen ich glaubte, sie aus meinen Gedanken verbannt zu haben. Erst jetzt bemerkte ich den Mann, der neben mir auf der Bank saß. In den vielen kleinen Fältchen seines Gesichts zeichneten sich das Leben und all seine Weisheit ab. Erst jetzt erkannte ich, dass er mit mir sprach. „Wie? Wie kommen Sie darauf?“ Der Alte schmunzelte nur: „Nun, ich kenne diesen Gesichtsausdruck nur zu gut. Was treibt eine junge Deutsche in das alte Sevilla? Urlaub wohl kaum? Sie sind keine typische Touristin.“ Seltsamerweise schüttete ich ihm mein Herz aus. So lange hatte ich mit niemandem auch nur ein Wort gewechselt. „Ich wollte nicht mehr Zuhause leben, dort hat mich alles enttäuscht oder ich habe alle enttäuscht. Dies ist der Grund, wieso ich jetzt hier lebe.“ Er hatte wohl vieles erwartet, aber nicht einen derartigen Ausbruch. Ich fügte hinzu:„Ich bin nach Spanien gekommen, um endlich glücklich zu werden“. Der Alte schüttelte leicht den Kopf und meinte:„Ich sitze seit 66 Jahren hier fest, seit dem Krieg. Ich habe seitdem aus Angst vor Ablehnung den Kontakt zu meiner Frau und meinen nun erwachsenen Kindern gemieden.“ Überrascht stotterte ich: „ Oh, das tut mir leid für sie. Wieso reisen sie nicht zurück?“ Darauf schwieg der Mann. Und so starrten wir eine Ewigkeit auf die stickigen, heißen Straßen von Sevilla, die einem die Luft zum Atmen raubten. Endlich antwortete er: „ Ich habe weder den Mut noch das Geld. Für mich ist es zu spät“. Auf einmal dachte ich an meinen ersten Tag hier, als ich in das neue Haus zog, mit den unbekannten Möbeln und den kahlen Wänden, ganz alleine. „Sind sie nun nicht enttäuscht, dass sie es nie versucht haben zurückzukehren?“ Der alte Mann stand auf und sagte zu mir: „Ich würde alles dafür geben, wieder bei meiner Familie zu sein.“

Am nächsten Tag stand ich mit gepackten Koffern am großen Flughafen von Sevilla. Ich schaltete mein Handy an und sah, dass meine Tochter versucht hatte, mich zu erreichen. Entschlossen stieg ich in das Flugzeug mit dem Gedanken ein: Ich werde für meine Familie kämpfen, bevor es zu spät ist - und dann werde ich glücklich sein.

Katrin Schäffer