Achtung! Hinschauen rettet Leben!

Keine akuten und erkennbaren Krisen störten das scheinbare Gleichgewicht der Familie. Und doch ist plötzlich alles anders. Eine 36-jährige allein erziehende Mutter findet sich im Gefängnis wieder. Sie steht unter Verdacht, ihren vierjährigen Sohn gewürgt zu haben.

Flecken im Gesicht des Kindes und Male im Nacken weisen auf eine gewaltsame Unterdrückung der Luftzufuhr beim Jungen hin. Eine aufmerksame Erzieherin einer Neustadter Kindertagesstätte schöpfte Verdacht, informierte das Neustadter Jugendamt, welches umgehend Maßnahmen ergriff. Ärzte, Kinderklinik, Rechtsmedizin und Kriminalpolizei kümmerten sich sofort um den Fall – um den Jungen und seine beiden älteren Geschwister. Eine intensive Untersuchung der drei Kinder ergab, dass sie in der Vergangenheit keiner körperlichen Gewalt ausgesetzt waren. Keine verheilten Brüche, keine Narben. Sie seien in Schule und Kindertagesstätte völlig verhaltensunauffällig gewesen, so Jugendamtsleiter Jürgen Kaub. Fröhliche und zufriedene Kinder. Man fragt sich, was ist da passiert, dass eine als liebevoll bekannte Mutter mit starker emotionaler Bindung zu ihren Kindern und psychologischem Gutachten mit guter Prognose zu einer Tat des Ausmaßes fähig sein soll. Das Verfahren läuft, Angaben dazu gibt es aus gutem Grund nicht. Es macht auch keinen Sinn, diese im Detail in die Öffentlichkeit zu tragen, wenngleich Spekulationen die Runde machen. Die Kinder und die Mutter müssen weiterleben, Perspektiven haben.

Das Funktionieren des Neustadter Handlungskonzepts, das in Krisenfällen wie diesem angewendet werden soll, griff zuverlässig. Schulungen, Fortbildungen, Sensibilisierungen für ein dringliches gleichwohl entsetzliches Thema fruchteten. Besonders die Fortbildungen zur Erkennung von körperlichen Symptomen nach Gewalteinwirkungen, die von Medizinern und Rechtsmedizinern an Erzieher, Lehrer und Kinderärzte adressiert sind, zeigen Erfolg. Es beruhigt, dass Problemfälle, wie diese Neustadter Familie eine ist, auch wenn sie den Wohnort wechseln, nicht aus den Augen des Jugendamtes verloren werden. Seit zehn Jahren schaut das Jugendamt und sein verlängerter Arm hin – und schritt ein, als es notwendig wurde.

Es war nicht der einzige Fall im vergangenen Jahr. Insgesamt 19 Fälle verzeichneten das Neustadter Jugendamt. Davon neun Fälle, zum Teil mit massiveren Verletzungen als die des Vierjährigen, mussten durch direkten Eingriff in die Struktur der betroffenen Familie gelöst werden. Die anderen fanden eine Lösung im häuslichen Bereich. Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß niemand. Diese Kinder warten noch auf Hilfe.

Das Neustadter Jugendamt, die Erzieherinnen und die Ärzte haben es vorgemacht: Sie haben hingeschaut und eingegriffen und vielleicht damit Schlimmeres verhindert. Hoffentlich bleibt immer die Möglichkeit, einzugreifen, wenn Kinder misshandelt werden. Hinschauen rettet Leben!