Spurrillen
Wenn Martha auf Ihr Leben zurückschaut, sieht sie ein Bild von einem geraden Weg, den sie niemals wirklich verlassen hat. Allerdings war die volle Breite des Weges nötig, um vorwärts zu kommen. Sie erinnert sich mit leisem Lächeln an die Träume ihrer Jugend. Mit 16 wollte sie alles erreichen. Die Welt würde ihr gehören. Nach ihren Maßstäben würde sie sie formen. Sie wollte studieren, einer interessanten, anspruchsvollen Arbeit nachgehen, einen netten Mann kennen lernen, mit dem sie ein Leben voller Leidenschaft haben würde. Natürlich Kinder. Reich wollte sie sein. Nicht nur an Geld. Sie wollte alles – oder nichts. Als sie 16 war, waren die Zeiten allerdings nicht so weit gediehen, dass diese Wünsche ohne weiteres erfüllbar gewesen wären. Für Frauen wurden ganz andere Lebensziele gesteckt. Aber das war Martha damals egal. Man machte ihren Weg schmaler, als sie für ihre weit ausladenden Schritte benötigt hätte. Und später lief sie schon spurgenauer. Immer noch war sie neugierig auf die Welt. Sie wollte reisen, viel sehen. Sie mochte Menschen und wollte mit ihnen Erfahrungen teilen. Sie sah die Welt immer noch voller Möglichkeiten. Martha wusste, dass sie lieben konnte und gerne alles mit einem Menschen, der es wert war, teilen wollte. Doch ihr Freiheitsdrang war groß. Beziehung und Freiheit waren nur schwer zu vereinbaren. Das lag nicht nur an der Sache an sich, sondern auch an der Sicht der Dinge. Sie wünschte sich nach den Turbulenzen ihrer Anfangsjahre ruhigeres Fahrwasser und sanft geschwungene Wege.
Und heute wusste Martha zweierlei. Von ihr wurde erwartet, dass sie eine ruhige, begnügsame Alte sei. Ihr Weg sollte kerzengerade und sehr eingeengt vor ihr liegen, den sie ohne Aufmucken verfolgen sollte. Doch das konnte sie einfach nicht. Sie war immer noch – und mehr denn je – die Rebellin von einst. Immer noch wollte sie Neues, wollte ausbrechen aus alten Klischees und vorgefertigten Spurrillen, die ihren Weg nun kennzeichneten. Martha wollte siegen. Nun endlich siegen. Sie wollte alles – oder nichts. Nun kam ihre Zeit. Sie lief querfeldein. Für Martha soll´s rote Rosen regnen, ihr sollten ganz neue Wunder begegnen, sich fern vom Alten neu entfalten, von dem, was erwartet, das meiste halten.
Frei nach Hildegard Knef
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